©NSB I Patrick Kösters

Zeltplatzresidenz

Kunststipendium

Spiekerooger Zeltplatzresidenz

Inmitten einer einzigartigen Natur und rund drei Kilometer vom Dorfkern entfernt, liegt der Spiekerooger Zeltplatz – einer der schönsten Naturzeltplätze Europas. Ein Ort, der Inspiriert – hier bekommt man den Kopf frei für das Wesentliche. Seit Jahren nutzen Künstler den Zeltplatz als Rückzugsort, Quelle ihrer Inspiration und Kreativität. Die „Spiekerooger Zeltplatzresidenz“ möchte dies unterstützen, das Kunststipendium ermöglicht dem Sieger die Umsetzung eines temporären Kunstprojektes auf der autofreien Insel. Als Residenz wird ein Zelt zur Verfügung gestellt, ebenso erhält der Gewinner eine finanzielle Förderung sowie umfangreiche Kommunikationsleistungen. Gefördert werden Kunstprojekte, die im öffentlichen Raum stattfinden, Aufmerksamkeit für soziale und ökologische Problematiken generieren und in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein dafür schaffen. Das Thema wird jährlich neu festgegt.

Windkörper- Stimmen der Insel

Ein partizipatives, ephemeres Klangarchiv von Cristian Mauricio Candela Rodriguez

Der Künstler: Wenn Erde, Wind und Gemeinschaft verschmelzen
Wer die Arbeiten von Cristian Mauricio Candela Rodriguez begreift, merkt schnell: Hier entstehen keine starren Denkmäler für die Ewigkeit, sondern lebendige Begegnungsräume. Im Zentrum seines Schaffens steht die Frage, wie tief Identität, das genutzte Material und die raue Natur eines Ortes miteinander verflochten sind. Seine Arbeiten brechen ganz bewusst mit klassischen, westlichakademischen Sichtweisen und laden zu einem offenen, gleichberechtigten Dialog mit indigenen Kosmovisionen und Wissenssystemen ein. Ob Ton, Zement, Kupfer, Sound oder Video – Candela nutzt Kontraste, um die feinen Spannungen zwischen Tradition, kollektiver Erinnerung und der Ungezähmtheit der Elemente spürbar zu machen.

Die tiefen Prägungen für diesen Ansatz liegen in seiner Herkunft: Candelas familiäre Wurzeln liegen in Togüí, einer ländlich geprägten Region zwischen Boyacá und Santander in Kolumbien. Das Aufwachsen zwischen verschiedenen Territorien, zwischen Stadt und Land, sowie die enge Beziehung zur Natur prägen seine künstlerische Arbeit bis heute.
Nach seinem Studium der Bildenden Kunst an der Nationalen Universität Kolumbiens arbeitete er in unterschiedlichsten Regionen des Landes, darunter im Amazonasgebiet sowie in ländlichen und peripheren Gemeinschaften. Diese Erfahrungen vertieften sein Interesse an lokalen Wissensformen, kollektiver Erinnerung und den Geschichten, die in offiziellen Erzählungen oft unsichtbar bleiben. In seiner Arbeit untersucht Candela seither die Beziehungen zwischen Material, Territorium und Identität. Dabei richtet er den Blick insbesondere auf kulturelle Praktiken, Kenntnisse und historische Beiträge, die häufig marginalisiert, vergessen oder anderen Akteuren zugeschrieben wurden. Seine Projekte schaffen Räume des Austauschs zwischen Menschen, Landschaften und unterschiedlichen Formen des Wissens.

Sein Weg ist daher konsequent geprägt von Projekten, die dorthin gehen, wo das Leben pulsiert: direkt zu den Menschen in den öffentlichen Raum. Schon 2019 untersuchte er in seiner Abschlussarbeit Aparcelados die symbolischen Grenzen von Territorien. Mit dem preisgekrönten Projekt Mixed Wealth (Riqueza Mixta) ließ er 2021 Tonskulpturen in den Straßen Bogotás von Passanten und Jugendlichen frei verändern, um Kunst als kollektives Zeugnis im Alltag zu verankern. Es folgten vielbeachtete Ausstellungen im urbanen und institutionellen Raum in Deutschland – wie Pora a rú dea (2023) in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, die partizipative Skulptur Stereotypen in Ton (2025) in Neukölln oder die Intervention Unterirdische Spuren (2025) im Georg Kolbe Museum. Der kolumbianische Künstler bewegt sich dabei fließend an den Schnittstellen von Skulptur, Installation und partizipativer Kunst. Nun bringt er sein Schaffen dorthin, wo die Natur die radikalste Regie führt: an den Strand und in die Dünen von Spiekeroog.

Das Projekt für Spiekeroog: „Windkörper – Stimmen der Insel“
Für die Zeltplatz Residenz 2026 auf Spiekeroog hat Mauricio Candela das ortsspezifische Kunstprojekt „Windkörper – Stimmen der Insel“ entwickelt. Passend zum insularen Leitthema „VOGELFREI“ führt der Künstler darin seine Erforschung der Ästhetik des Vergänglichen und der „Agency“ (Wirkmacht) der Natur konsequent fort. Das Projekt fängt das echte Spiekeroog-Gefühl ein und interpretiert das Thema als einen Zustand des absoluten Ausgesetztseins in den Elementen, der Ungebundenheit und des faszinierenden Erlebnisses, die Kontrolle bewusst an die Natur abzugeben.

Das Fundament des Konzepts basiert auf vier komplementären Säulen:
● Die Stimme des Winds (Präkolumbianische Resonanz): Das Herzstück des Projekts bilden drei
monumentale, rund 1,50 Meter hohe Tonskulpturen. Sie sind keine stummen Statuen, sondern aerophone Körper, inspiriert von jahrtausendealten indigenen Pfeifgefäßen aus Kolumbien. Durch integrierte Luftkanäle und Hohlräume fangen sie die Brise und die Stürme der Nordsee ein und übersetzen sie in flüchtige, unvorhersehbare Klänge. Der Wind selbst wird hier zum Musiker und Co-Autor des Kunstwerks.

● Echte Insel-Materie (Hybride Körper): Die Skulpturen werden direkt vor Ort aus ungebranntem Ton modelliert, der im Verhältnis 70/30 mit dem feinen Spiekerooger Dünensand vermischt wird. Landschaft und Kunstwerk verschmelzen so schon vor ihrer Entstehung ganz physisch miteinander.

● Symbiose der Fauna: Die Oberflächen der Körper tragen kunstvolle Reliefs der heimischen Tierwelt. Seevögel und Wattbewohner prägen das Bild. Während das Wetter an den Skulpturen arbeitet, symbolisiert die langsame Veränderung der Tierdarstellungen die Verwundbarkeit und ständige Anpassung unseres empfindlichen Ökosystems im Wattenmeer.

● Radikale Vergänglichkeit und kollektives Archiv: Dieses Projekt verweigert sich dem Gedanken, ein Denkmal für die Ewigkeit zu sein. Auf den Freiflächen der Insel sind die Skulpturen den Gezeiten und dem Wetter schutzlos ausgeliefert. Regen, Gischt und Wind spülen den Ton im Laufe des einmonatigen Aufenthalts schrittweise frei und lassen das Kunstwerk auf ganz natürliche Weise wieder zu Sand und Erde werden. „Vogelfrei“ bedeutet hier auch die Freiheit des Materials, wieder eins mit der Insel zu werden. Ein Prozess, der durch die aktive Beteiligung der Menschen vor Ort zu einem wachsenden, temporären Gesamtkunstwerk wird.

Der Ablauf der Residenz: Vier Wochen im Rhythmus der Elemente
Das Projekt entfaltet sich über den Zeitraum von vier Wochen als eine offene, prozesshafte Performance, bei der die Grenzen zwischen Atelier, Naturraum und Publikum verschwimmen. Besucherinnen und Inselgäste sind täglich dazu eingeladen, vorbeizukommen, den Entstehungsprozess zu beobachten und direkt mit dem Künstler in den Dialog über die Ökologie des Materials zu treten.

Woche 1: Materialaufbereitung, Struktur und Verortung Die Residenz beginnt mit der physischen Verschmelzung der Materialien. Der Künstler mischt die Tonblöcke intensiv mit dem Spiekerooger Strandsand – ein entscheidender Prozess, um den imposanten, ca. 1,50 Meter hohen Figuren die nötige Standfestigkeit gegen den permanenten Inselwind zu verleihen. Nach der sorgsamen Auswahl der finalen Standorte in der Landschaft beginnt der eigentliche Aufbau der drei monumentalen Tonfiguren.

Woche 2 & 3: Modellierung, Akustik und Partizipation In der intensiven Schaffensphase widmet sich Candela der feinen Ausarbeitung der präkolumbianischen Luftkanäle und Resonanzkammern, die später den Wind in Klang verwandeln. Gleichzeitig entstehen die detaillierten Tierreliefs der Inselfauna auf den Oberflächen.
Das lebendige Windarchiv: Während dieser Wochen öffnet sich das Projekt radikal für die Gemeinschaft. Besucherinnen können nicht nur zuschauen, sondern selbst aktiv werden. Aus derselben Ton-Sand-Mischung modellieren sie eigene, kleinere Windkörper. Sie hinterlassen darin ihre ganz persönlichen Eindrücke der Insel oder arbeiten Fundstücke der Natur wie Muscheln und Federn ein. Diese individuellen Objekte werden rund um die drei großen Hauptskulpturen auf den Freiflächen und in den Dünen platziert und schreiben sich so als kollektive Stimmen in das temporäre Windarchiv ein.

Woche 4: Aktivierung und Erosion In der finalen Phase wird die Regie vollständig an die Natur übergeben. Die Skulpturen sind den Kräften des Wetters nun schutzlos ausgeliefert. Je nach Wetterlage beginnt der unvorhersehbare Prozess des sichtbaren Zerfalls und der klanglichen Veränderung. Der Künstler begleitet und dokumentiert diesen faszinierenden Übergang audiovisuell: Er fängt die sich transformierenden Klänge der Luftkanäle und das langsame Vergehen der Formen filmisch und tontechnisch ein – ein bleibendes Zeugnis der radikalen Vergänglichkeit.

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Rückblick

Zeltplatzresidenz seit 2014

Bereits seit 2016 gibt es die Spiekerooger Zeltplatzresidenz. Schauen Sie sich doch gern einmal an, welche tollen und einzigartigen Projekte in den vergangenen Jahren realisiert wurden.

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